Wo stehe ich?

Vielleicht machst du dir gerade zum ersten Mal Gedanken über deinen Konsum. Vielleicht beschäftigt dich die Frage aber auch schon länger.

Vielleicht hat dich jemand darauf angesprochen. Vielleicht ist etwas passiert. Oder du hast einfach selbst irgendwann gedacht:

Moment mal. Ist das eigentlich noch okay, was ich da mache?

Und dann kommt meistens ziemlich schnell die andere Stimme: Ach, Quatsch. So viel ist das doch gar nicht. Andere trinken viel mehr. Ich habe gerade einfach Stress. Wenn ich wollte, könnte ich sofort aufhören. Und überhaupt: Ich funktioniere doch.

Das Blöde daran ist: Man kann sich ziemlich überzeugend erklären, warum alles in Ordnung ist. Auch dann, wenn man sich längst nicht mehr ganz sicher ist.

Junge Frau sitzt nachdenklich an einem Laptop.

Hier schaut dir niemand über die Schulter.

Du musst hier niemandem etwas beweisen. Und du musst auch niemandem recht geben.

Vielleicht hat dein Partner schon vor Monaten gesagt, dass ihm dein Konsum Sorgen macht. Und du hast ihm erklärt, dass er übertreibt. Vielleicht ziemlich deutlich.

Dann ist es gar nicht so einfach, irgendwann zu sagen: Verdammt, vielleicht war da doch was dran. Denn dann geht es plötzlich nicht mehr nur um deinen Konsum. Dann geht es auch darum, dass du vorher unbedingt recht haben wolltest.

Also hält man dagegen. Manchmal sogar noch dann, wenn man selbst schon Zweifel hat.

Und vielleicht glaubst du auch, dass die anderen sowieso nichts merken. Du hast gestern ordentlich getrunken und heute Morgen hat keiner etwas gesagt? Na also. Alles richtig gemacht. Hat keiner gemerkt.

Kann sein. Kann aber genauso gut sein, dass sie längst etwas merken und nur nichts mehr sagen. Weil sie keine Lust auf den nächsten Streit haben, weil sie nicht wissen, wie sie es ansprechen sollen oder weil sie es schon oft genug versucht haben.

Dass keiner etwas sagt, heißt nicht, dass keiner etwas merkt.

Vielleicht lohnt es sich deshalb, die anderen für einen Moment ganz rauszulassen. Nicht darauf zu schauen, was dein Kumpel trinkt, wie viel der Kollege nimmt oder ob du schon „so schlimm“ bist wie jemand anderes.

Sondern einfach:

Was hat sich bei mir verändert?

Trinkst oder konsumierst du anders als früher?

Öfter vielleicht. Mehr. Aus „nur am Wochenende“ ist noch ein Abend unter der Woche geworden. Dann noch einer. Oder die Menge ist langsam größer geworden.

Nichts davon muss mit einem großen Knall passieren. Vielleicht ist genau das das Problem: Man gewöhnt sich an die kleinen Veränderungen. Was vor zwei Jahren noch viel gewesen wäre, ist heute normal.

Wie wichtig ist dir der Konsum inzwischen?

Denkst du öfter daran? Ist dir wichtig, dass etwas im Haus ist? Planst du schon mal darum herum? Nervt es dich, wenn ausgerechnet heute irgendetwas dazwischenkommt?

Vielleicht nimmt der Konsum inzwischen mehr Platz ein, als du eigentlich möchtest.

Mann mit Einkaufswagen blickt an einer Supermarktkasse auf ein kleines Regal mit Mini-Spirituosen.

Wofür brauchst du ihn?

Zum Einschlafen, zum Runterkommen, um Feierabend zu machen, mutiger zu sein, den Kopf endlich ruhig zu bekommen. Oder einfach, damit für ein paar Stunden mal irgendetwas weg ist.

Es gibt einen Unterschied zwischen „Das tut mir gerade gut“ und „Ohne geht es gerade nicht.“

Der Übergang dazwischen hat leider kein Warnschild.

Hat sich um deinen Konsum herum etwas verändert?

Gibt es mehr Streit? Hast du weniger Lust auf andere Dinge? Schläfst du schlechter? Gibt es Probleme bei der Arbeit, mit Geld oder in deinen Beziehungen? Ziehst du dich häufiger zurück? Oder fangen Menschen plötzlich an, Fragen zu stellen?

Man muss nicht warten, bis einem das Leben um die Ohren fliegt.

Ein Problem darf auch schon vorher ein Problem sein.

Und wie gut kannst du noch entscheiden?

„Heute nur zwei.“
„Heute gar nichts.“
„Diese Woche mache ich Pause.“
„Ab morgen weniger.“
„Nur am Wochenende.“

Kennst du solche Sätze? Und kennst du auch den Moment danach, in dem du dir erklärst, warum es diesmal eben nicht geklappt hat?

Stressiger Tag, Geburtstag, schlecht geschlafen, Streit gehabt. Vielleicht war es irgendwann sowieso schon egal. Alles nachvollziehbar.

Nur wenn du immer wieder erklären musst, warum du deine eigenen Vorsätze nicht eingehalten hast, könnte irgendwann eine andere Frage interessanter werden:

Warum klappt es eigentlich so oft nicht?

Und wenn davon kaum etwas auf dich zutrifft?

Dann ist das erst einmal eine gute Nachricht.

Und trotzdem war es nicht überflüssig, hierherzukommen. Im Gegenteil. Du hast dir Gedanken über deinen Konsum gemacht und einmal genauer hingeschaut. Vielleicht gerade zu einem Zeitpunkt, an dem noch gar nichts aus dem Ruder läuft.

Das ist doch eigentlich ziemlich vernünftig.

Nur eines sollte dabei nicht unter den Tisch fallen: Auch wenn dein Konsum nicht problematisch ist, sind Alkohol und andere Drogen psychoaktive Substanzen. Sie wirken auf Körper und Gehirn. Und auch ohne Abhängigkeit kann regelmäßiger Konsum auf Dauer der Gesundheit schaden.

Es geht also nicht nur um die Frage:

„Bin ich süchtig?“

Vielleicht ist eine andere Frage viel interessanter:

„Ist das, was ich mache, für mich eigentlich noch okay?“

Du musst jetzt nicht entscheiden, ob du „süchtig“ bist. Darum geht es hier gerade gar nicht.

Aber irgendeinen Grund gab es, warum du angefangen hast, darüber nachzudenken. Vielleicht war es nur ein kleiner Zweifel.

Dann lass ihn doch mal fünf Minuten da, ohne ihn sofort wegzuerklären.

Vielleicht hat er dir etwas zu sagen.

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